Mit Bach durch die Regio



Jahresprogramm 2018
Evang. Bezirkskantorat Freiburg
Kath. Bezirkskantorate Breisgau
und Hochschwarzwald
Badische Zeitung, 20. Mai 2018, Bericht und Fotos: Hans-Jürgen Kugler

Durchdringend, schmerzhaft, kreischend

Das Grauen des Zweiten Weltkriegs: "Dies irae" des Komponisten Zsigmond Szathmáry als Uraufführung in St. Peter.


Olaf Tzschoppe
Schlagzeuger Olaf Tzschoppe lässt bei der Uraufführung
von „Dies irae“ von Zsigmond Szathmáry in der Kirche
St. Peter die Totenglocken läuten.
Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 endete vor 70 Jahren in Europa die bislang größte Katastrophe in der Geschichte der Menschheit. Aus Anlass des 70. Jahrestages schuf der Orgelprofessor und renommierte ungarische Komponist Zsigmond Szathmáry (Jahrgang 1939) als Zeitzeuge ein Werk für Orgel und Schlagzeug, das im Rahmen der Reihe "Mit Bach durch die Regio" in der Barockkirche St. Peter als Auftragskomposition uraufgeführt wurde (Orgel: Zsigmond Szathmáry). Den Schlagzeugpart übernahm Olaf Tzschoppe, Professor für Schlagzeug in Bremen und Mitglied des renommierten Ensembles "Les Percussions de Strasbourg".

"Dies irae – Tage des Zorns" beginnt vollgriffig auf der Orgel. Die Akkorde steigern sich zu bedrohlichem, gewaltig-gewalttätigem Brausen. Bis zur akustischen Schmerzgrenze anschwellendes Sirenengeheul übertönt selbst das Dröhnen der alliierten Bomberflotten. Harte Einschläge an Becken und Trommeln, beängstigendes Grollen der Kesselpauke. Kurz bevor das Klanggewitter unerträglich wird, legt sich ein einzelner Liegeton über die Szenerie. Fremdartige, geisterhafte Klänge schweben gleichsam über den Schlachtfeldern – die gespenstische Ruhe nach dem ersten Angriff.

Die zweite Welle rollt heran, Donnern, metallisches Dröhnen, auf dem Gong noch durchdringender, schmerzhafter als zuvor. Kreischend berstendes Metall, Trommelfeuer auf der Bass drum, Kesselschlacht auf der Kesselpauke – Olaf Tzschoppe beschwört mit einer beeindruckenden Vielfalt von Klangvariationen und Spieltechniken auf den Perkussionsinstrumenten das Grauen des Zweiten Weltkriegs eindrucksvoll herauf. Wie entfesselt hämmert Zsigmond Szathmáry dazu Cluster auf Cluster auf die Orgeltastatur. Wilde Klangkaskaden, abgrundtief brodelndes Chaos.

Dann ein erneutes Innehalten, entrückte Klänge wie aus einer anderen Welt – viel zu kurz. Tzschoppe streicht mit dem Bogen auf den Stäben des Metallophons, schlägt mit Eisenketten den Gong. Untergründiges Brodeln kündigt das Ende an. Die Sirene kommt wieder zum Einsatz. Entwarnung. Anhaltendes Totenglockengeläut, unerträglich schrill im Abflauen des Sirenentons, allmählich verhallend. Nur ein nicht enden wollender Nachklang verbleibt.


Noch ganz im Bann des akustisch erlebbar gemachten Schreckens erweist sich das Adagio aus BWV 564 von Johann Sebastian Bach (in der Fassung von Zsigmond Szathmáry) geradezu als Balsam. Eine zarte liedhafte Melodie, unendlich ruhig und behutsam gespielt. Eine kurze Solokadenz leitet einen flehentlich ruhig atmenden Abgesang ein. In Szathmárys Interpretation meint man gleichwohl den Nachklang gespenstischer Xylophon-Klänge des zuvor Gehörten untergründig wiederzuerkennen.

In der folgenden Choralpartita "Ach, was soll ich Sünder machen" BWV 770, kombinierte der 20-jährige Bach über das bekannte Choralthema eine vielfältig figurierte Variationenreihe, jede Strophe erscheint neu in einem eigenen, höchst originellen Licht. Vielseitigen Variationenreichtum präsentiert Zsigmond Szathmáry auch in der Passacaglia c-Moll BWV 582. Das ostinate Pedalthema geht ruhigen, gemessenen Schrittes seinen erhabenen Gang, darüber lässt der Orgelprofessor in zwanzig Variationen ausgreifendes Figuralwerk erblühen. Die nahtlos anschließende Fuge erwächst unmittelbar aus dem Ostinato-Thema, die komplexe Verarbeitung schließt in einer verwirrend verschlungenen Durchführung.

Das Bachsche Rahmenprogramm zur Uraufführung von "Dies irae" ergänzte Zsigmond Szathmáry mit einer vollstimmigen Interpretation der g-Moll-Fantasia BWV 542 und der "Clavier-Übung Vater unser im Himmelreich" BWV 682. In der ausgreifend opulenten "Clavier-Übung" fährt Bach an technischen Raffinessen alles auf, was auf der Orgel nur möglich ist. So kombiniert er einen zweistimmigen Cantus-firmus-Kanon mit drei Begleitstimmen. Die Themen des Kanons sind unterschiedlich, laufen unabhängig nebeneinander her. Das Ergebnis klingt recht modern, von galanter Spielfreude ebenso geprägt wie von kühler mathematischer Eleganz.
Eintritt jeweils € 8,- (€ 5,-); Karten an den Abendkassen oder beim Ev. Bezirkskantorat, Maienstraße 2, 79102 Freiburg, Telefon 0761-70789301 sowie unter www.reservix.de (zzgl. Vorverkaufsgebühren)